„Oppenheimer“: Die Pein des „Vaters der Atombombe“

Mit „Oppenheimer“ widmet sich Regisseur Christopher Nolan dem „unmöglichen und paradoxen ethischen Dilemma“ von J. Robert Oppenheimer.

Am 6. August 1945 warfen die USA die erste in einem Krieg eingesetzte Atombombe über der japanischen Stadt Hiroshima ab. Am 9. August folgte die zweite über Nagasaki und keine Woche später hatte die Erfindung des „Vaters der Atombombe“, J. Robert Oppenheimer (1904-1967), dem Zweiten Weltkrieg offiziell ein Ende gesetzt. Doch zu welchem Preis? Mit dem Biopic „Oppenheimer“, das am 20. Juli in die Kinos kommt, hat Regisseur Christopher Nolan, 52, einer prägenden Figur der Menschheitsgeschichte ein filmisches Denkmal errichtet. Eines, das so paradox wie jene Person erscheint, der es gewidmet ist.

Vom Genie zum „Zerstörer der Welten“ – darum geht es

Der Zweck heiligt die Mittel, heißt es. Je länger der theoretische Physiker J. Robert Oppenheimer (Cillian Murphy, 47) als Leiter am streng geheimen Manhattan-Projekt während des Zweiten Weltkriegs arbeitet, desto vehementer lernt er dieser Redewendung jedoch zu widersprechen. Auf keinen Fall dürfen die Nazis die ersten sein, denen es gelingt, eine einsatzfähige Nuklearwaffe zu entwickeln, da sind sich alle einig. Doch würde nicht auch eine auf US-Boden erschaffene Atombombe zwangsläufig zum Ende der Welt führen?

Oppenheimer, oder: Wie ich lernte, die Bombe zu hassen

„Jetzt bin ich der Tod geworden, der Zerstörer der Welten.“ Diesen weltberühmten Satz sprach Oppenheimer 1965, also 20 Jahre nach den Abwürfen über Hiroshima und Nagasaki, in einem Interview. Dieser Gedanke sei ihm durch den Kopf gegangen, direkt nachdem der erste erfolgreiche Atombombentest im Nirgendwo von New Mexico geglückt war und indirekt das Schicksal unzähliger Menschen besiegelte: Kurze Zeit später löschte seine Erfindung die Leben von über 200.000 Menschen, größtenteils Zivilisten, aus.

Als „unmögliches und paradoxes ethisches Dilemma“ bezeichnete Nolan im Vorfeld des Films die Lage seines Protagonisten. Da steht eine der bahnbrechendsten wissenschaftlichen Errungenschaften der Menschheit auf der einen, das Potenzial zu unendlicher Zerstörung auf der anderen Seite. Kein Wunder also, dass Nolan ebenfalls attestierte: „Ich denke, dass von allen Figuren, mit denen ich bislang zu tun hatte, Oppenheimer mit Abstand der doppeldeutigste und paradoxeste ist. Was, wenn man bedenkt, dass ich drei ‚Batman‘-Filme gemacht habe, schon einiges sagt.“

Besagtes Dilemma beinhaltet auch die Frage: Kann man sich für einen wissenschaftlichen Meilenstein feiern (lassen), ohne sich aber für dessen Konsequenzen verantwortlich zu fühlen? „Oppenheimer“ basiert auf der mit einem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Biografie „American Prometheus: The Triumph and Tragedy of J. Robert Oppenheimer“. Die mythologische Figur Prometheus stahl den Göttern einst das Feuer, brachte es den Menschen und wurde dafür mit ewiger Pein bestraft. Oppenheimer, so legen es Buch und Film dar, geißelte sich zeit seines Lebens dagegen selbst für sein Schaffen.

Zu lang und doch viel zu kurz

Warum „Oppenheimer“ selbst paradox erscheint: Mit drei Stunden Laufzeit verlangt er einiges an Ausdauer ab und wirkt vor allem zu Beginn und gegen Ende langatmig. Zugleich sorgen die zahlreichen bedeutsamen Personen, die einem zuweilen nur für wenige Sekunden präsentiert werden, für ein hetzendes Gefühl. Ein ums andere Mal bekommt man als Zuschauer den Eindruck, es werde als selbstverständlich angesehen, zu wissen, mit wem man es da gerade zu tun hat – bei Personen wie Werner Heisenberg und Niels Bohr mag das auch noch stimmen. Andere Namen dürfen nach dem Kinobesuch jedoch vermehrt bei den angesagten Google-Suchanfragen auftauchen.

Als Spielfilm ist „Oppenheimer“ folglich zu lang. Für all die Dinge, die Nolan damit abbilden und erklären will, hingegen viel zu kurz. Im Fall einer ähnlichen Thematik – das Unglück von Tschernobyl – wurde 2019 das Format der Miniserie gewählt. „Chernobyl“ widmete sich über fünf Folgen à rund einer Stunde der Atomkraftwerk-Katastrophe von 1986 und nutzte jede einzelne beklemmende Minute meisterlich. Vielleicht hätte Oppenheimers Bombe zumindest in dieser Hinsicht in Serie gegen sollen.

Nolan bleibt Nolan – im Guten wie im Schlechten

Stattdessen wählte Nolan eine Erzählform, die in drei Akte aufgeteilt werden kann: Oppenheimers Werdegang, seine Arbeit am Manhattan-Projekt und die anschließende Hexenjagd während der antikommunistischen McCarthy-Ära. Die Tatsache, dass der Atombombenabwurf gegen Mitte des Films thematisiert wird, lässt jedoch gerade den dritten Akt, in dem es um Oppenheimers Niedergang geht, antiklimaktisch erscheinen. Da hilft es nur bedingt, dass Nolan einmal mehr fleißig durch die Zeit (wie etwa schon in „Prestige“ geschehen) springt, um Oppenheimers Geschichte achronologisch zu erzählen.

Effektiver ist sein Einsatz von Szenen mal in Farbe, mal in Schwarzweiß. Schon bei seinem Werk „Memento“ nutzte er dieses Stilmittel, darin jedoch, um verschiedene Zeitebenen zu kennzeichnen. In „Oppenheimer“ verändert es derweil die Perspektive auf das Erlebte: Szenen in Farbe drehen sich um Oppenheimer als zentrale Figur und wie er das Geschehen wahrnimmt. Schwarzweiß-Aufnahmen werfen hingegen einen externen Blick auf den „Vater der Atombombe“ und dessen Wirken, es entsteht ein authentisches Dokumentar-Flair. Ein raffinierter inszenatorischer Kniff des Filmemachers, um den Kontrastreichtum Oppenheimers auch optisch darzustellen.

Die fleischgewordene Zer- und Gerissenheit

Trotz Star-Ensemble trägt Cillian Murphy den Film größtenteils allein auf seinen Schultern. Immer wieder packt Nolan das Gesicht des Hauptdarstellers in Großaufnahme auf die Leinwand, fängt den Schmerz der gesamten Welt in dessen stahlblauen Augen ein. Der schauspielerisch größte Moment: Als Oppenheimer vor jubelnder Menge den Sieg über Japan feiern muss, er vor seinen Augen aber nur das angerichtete Leid sieht. Der Star hat schon häufig mit Nolan zusammengearbeitet. Aber noch nie besser.

Neben Murphy gilt es speziell Robert Downey Jr., 58, hervorzuheben. Als Lewis Strauss, ein einflussreicher Politiker und führendes Mitglied der United States Atomic Energy Commission, darf sich der Marvel-Star von seiner durchtriebenen Seite präsentieren. Wohltuend ist zudem, Josh Hartnett, 44, wieder in einer größeren Rolle auf der Leinwand sehen zu dürfen. Die Oscarpreisträger Gary Oldman, 65, und Rami Malek, 42, legen derweil extrem kurze, aber denkwürdige Auftritte hin. Oldman spielt den damaligen Präsidenten Harry S. Truman (1884-1972) und darf einen zynischen Schlusspunkt setzen: Denn niemanden in Japan kümmere es einen Dreck, wer die Bombe gebaut hat, beteuert er dem ruhelosen Oppenheimer. Sehr wohl aber, wer sie abwerfen ließ.

Fazit:

Der Funke bei „Oppenheimer“ zündet spät, aber gewaltig. Trotz diverser stilistischer Spielereien ist es ein stringenter Film geworden, kein Vergleich also zu Nolans zuletzt arg überbordenden „Tenet“. Die Biografie fällt dadurch allerdings wesentlich dokumentarischer aus, als es wohl viele Kinogänger erwarten dürften. Vielleicht hätte Nolan dieses Mal mit dem Format selbst experimentieren und aus „Oppenheimer“ eine Miniserie machen sollen. Doch der leidenschaftliche Filmemacher kann seiner geliebten Leinwand nicht den Rücken zukehren. Wer will es ihm verdenken?

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